März 2008

Glück

sich zurücklegen
die Augen
schließen
den Mund
leicht spitzen
und darauf
warten
geküsst zu werden.

Und dann
geküsst werden.

von Erich Fried


April 2008

Wort an Wort

Wir wohnen
Wort an Wort

sag mir dein liebstes
Freund

meins heißt
DU

von Rosa Ausländer

Mai 2008

Schiffe

Alle meine Schiffe
haben die Häfen vergessen
und meine Füße den Weg
Es wird nicht gesät und nicht geerntet
denn es ist keine Vergangenheit
und keine Zukunft,
kaum eine Bühne im Tag
Nur der kleine
zärtliche Abstand
zwischen dir und mir,
den du nicht verminderst

von Hilde Domin

Juni 2008

Ein Kelch, ein Blütenblatt, ein Dorn
Aus irgendeinem Sommermorgen
Eine Schale Tau - eine Biene oder zwei
Ein Morgendwind
Flattern in den Bäumen
Und ich bin eine Rose

von Emily Dickinson

Juli 2008

Das Gedicht "Ausgesetzt" von Mascha Kalenko musste ich leider auf Wunsch der Textboerse Lore Cortis von meine Homepage entfernen.

August 2008

Vorbei

Vorbei die sehnsuchtsvollen Gefühle
Vorbei zärtliche Umarmungen in der Nacht
Vorbei Küsse so liebevoll und sacht
Vorbei die verletzende Kühle

Noch da dein Platz in meinem Herzen
Sehnsucht nach einer suchenden Hand
Zweifeln an meinen klugen Verstand
Noch da die bohrenden Schmerzen

In endlosen Gedanken gefangen
Nur die Erinnerung geblieben
Die Liebe ist wortlos gegangen

Vorbei einengende Kontrolle und Tanz
Nur in Freiheit kann Liebe leben
Noch da der Wunsch nach Nähe
Und Distanz

von Christin Geweke


Septemper 2008


Ich hab die Liebe

ich hab die Liebe gesehen
klar wie ein Bach
vollend die Reinheit

ich hab die Liebe gespürt
wild wie das Meer
aufwühlt der Grund

ich hab die Liebe gefühlt
warm wie ein Strahl
sonnengewärmten Wassers

Ich hab die Liebe

Heike Wulf

Oktober 2008

Bumerang

War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum - noch stundenlang -
Wartete auf Bumerang.

Ringelnatz

November 2008

Embryonale Stellung

Ich werde dich berühren
dort, wo es pulsiert
in dir
wo es warm ist
und weich und fleischig
wo die adern stolz und prall vibrieren


nicht deine angemalte haut
nicht dein kontostand
und deine freunde
nicht deine karriereplanung
deine plattensammlung
und die rasse deines hundes interessiert mich
ich will nicht
deine geschichten
oder was du über
den werteverfall denkst
deine meinung über hartz vier
ist mir völlig egal


ich werde dich berühren
dort, wo die feuchten wände
nach schweiß und ewigkeit schmecken
wo die zeit keine rolle
mehr spielt
wo alles anfängt und alles endet


dort, wo dein rosa dunkel wird
verzeih mir meinen gesenkten blick
während ich durch's kaufhaus
stürze, verzeih
meine staubigen schuhe
meine stille
während ich mich ausstrecke nach dir

ich werde dich berühren
dort, ganz tief auf dem grund
damit du meinen schmerzenden rücken
wärmen kannst
damit du den tau
aus meinem nacken küßt
während ich
zusammen gesunken
in dir nach der sonne greife

von Volly Tanner

Gedicht des Monats Dezember

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
es rührte Sie so sehre
der Sonnenuntergang

Mein Fräulein! Sein Sie munter,
das ist ein altes Stück;
hier vorne geht sie unter
und kehrt von hinten zurück.

von Heinrich Heine