Gedicht des Monats Januar 2009

Ein Rauch verweht,
ein Wasser verrinnt,
das eine vergeht,
das neue beginnt.

von Ringelnatz

Gedicht des Monats Februar 2009

Das Beste ist, müde zu sein und am Abend
hinzufallen. Das Beste ist, am Morgen,
mit dem ersten Licht, hell zu werden,
gegen den unverrückbaren Himmel zu stehen,
der ungangbaren Wasser nicht zu achten
und das Schiff über die Wellen zu heben,
auf das immerwiederkehrende Sonnenufer zu.

von Ingrid Bachmann

Gedicht des Monats März 2009

Rudern zwei ein Boot, der eine kundig der sterne,
der andre
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein

von Reiner Kunze


Gedicht des Monats April 09

Mondsüchtig sei sie, sagt die Sonne
und leckt so ungeniert dem Morgen
das Grauen aus den milchigen Augen
wie ein munterer Hund das alte Fahrrad
bepinkelt das schläft an seinem Lieblingsbaum
als sei die Welt nur Leberwurst und Klingeling
und nicht diese eingefleischte Schwärze
in meinen Pupillen um die ich weiß
so wahr ich Stimmenfühler spüre
weißestes Weiß gemalt habe
um diese Wendeltreppe ins Schattenreich
zu meistern nicht hinabzustürzen wenn ich
nach Spuren deines versunkenen
verwundeten Spiegelbildes suche - da
wo kein Gott mehr ein Auge drauf hat

Es liest: Der Ohrenschützer: Mondsüchtig sei sie sagt die Sonne - Episode 925867 - podcast.de

Gedicht des Monats Mai 09

blauer Fleck

geh immer geradeaus

bis du einen bart hast wie paul breitner
elf meter später wirst du schnupfen kriegen
niese dreimal
eine alte vettel wird gesundheit brüllen
und sich in blinder wut die haare ausreissen
an der musst du vorbei und weiter
so lange bis dir eine heuschrecke
gegen das linke knie springt
in dem moment drehst du dich dann nach rechts
so weit es geht ohne weh zu tun
und rennst 43 sekunden lang wie um dein leben

wenn du die tür siehst brich dir ein bein
zieh an dem tatzelwurm mit sachtem schwung
und lache nicht
vielleicht mach ich dann auf
sagt sie

und geht mir unter die haut

von Herbert Hindringer

Gedicht des Monats Juni 09

Glück

Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.

Solang du um Verlornes klagst,
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz,
Und deine Seele ruht.

von Herrmann Hesse



Gedicht des Monats Juli

Du bist mein Mond

du bist mein Mond und ich bin deine Erde
du sagst, du drehst dich um mich
ich weiß es nicht, ich weiß nur, das ich werde
in meinen Nächten hell durch dich
du bist mein Mond und ich bin deine Erde
sie sagen, du veränderst dich
allein du änderst nur die Lichtgebärde
und liebst mich unveränderlich
du bist mein Mond und ich bin deine Erde
nur mein Erdschatten hindert dich
die Liebesfackel stets am Sonnenherde
zu zünden in der Nacht für mich

von Friedrich Rückert
Gedicht des Monats August

Drei Hasen

Drei Hasen
tanzen im
Mondschein im
Wiesenwinkel
am See:
Der eine ist
ein Löwe,
der andere
eine Möwe,
der dritte ist ein Reh

von Christian Morgenstern

Gedicht des Monats September


Das Gedicht "Die Zeit steht still" von Mascha Kalenko musste ich leider auf Wunsch der Textboerse Lore Cortis von meine Homepage entfernen.


Gedicht des Monats Oktober

Erotischer Neunzeiler

Schiess in mein Kraut, Meister
Mach die Kresse froh
Tob dich aus, dreister
Schrei mich wach
Beschlagen die Nacht
Beschlagen die das Haus
Du und ich
Unverblümt
Kleistern uns zu

von Ilma Rakusa


Gedicht des Monats November

Novemberabend

Frost keimt unter
fahlen Blättern,
raut auf Halmen,
eist Tautropfen.

Lichtfaul dämmert
Kurztag farblos
fort zu seinen
Nachtgeschwistern.

Weiden schreiben
geisterhafte
Runen in den
Abendnebel.

Karl Otto Kaminski

Gedicht des Monats Dezember

Der abgerissene Strick
kann wieder geknotet werden
er hält wieder, aber
er ist zerrissen.

Vielleicht begegnen
wir uns wieder,
aber da,
wo du mich verlassen hast
triffst du mich
nicht wieder.

Bertolt Brecht