Carnac
Worüber hatte sie mit Claire gesprochen? Anka konnte es nicht mehr sagen. Wenn alles immer einfach wäre. Früher ja, früher hatte sie gedacht, dass alles einfach wäre. So bis zum ihrem sechsten Lebensjahr. Und danach hatte sie nur noch gedacht: - Später, wenn du älter bist, dann wird alles einfach. Dann bist du erwachsen und das Leben fängt an. Dein Leben fängt an. - Sie war eben noch ein Kind gewesen und hatte geträumt.
Träumen tut sie immer noch. Mit offenen Augen und manchmal sogar im Auto. So wie jetzt. Worüber hatte sie mit Claire geredet? War das denn wichtig?
Nein, entschied sie. Nein! Das hatte sie gelernt: Entscheidungen zu treffen. Beziehungsweise hatte sie gelernt, herauszufinden, was sie nicht wollte. Das war ein Anfang. Der Rest ergab sich.
Warum ist er auch nicht ans Handy gegangen? Zwei Stunden lang hatte sie es versucht. Aber er hatte es ausgeschaltet. Das machte er sonst nie.
Ob sie es schon wissen?
Sie fuhr auf eine Raststätte. Es war dunkel. Sie musste einen Moment Ruhe haben. Kurz die Augen zu machen. Morgen ging es weiter. In ihr neues Leben.
Frankreich, Italien. Egal. Hauptsache neu. Alles würde sich finden. So wie es sich immer gefunden hatte.
Sie erwachte mit einem stechenden Schmerz in ihrer Schulter. Sie schien wie ausgekugelt, ihre Füße spürte sie kaum noch. Einzig ihr Kopf war klar. Langsam quälte sie sich aus dem Wagen. Neben ihr stand ein rundlicher junger Mann, der einem rundlichen kleinen Kind Butterbrote in den Mund stopfte. Ihr wurde schlecht. Sie rannte zu den Toiletten.
Das Gesicht im Spiegel kannte sie gut. Es war dieses: -Was nun Anka? Gesicht- Seit vierzig Jahren kannte sie es. Ihre Augen waren verquollen. Sie sah aus, als hätte sie die Nacht durchgezecht. Ein blondes Mädchen, vielleicht drei - vier Jahre alt, sah sie mit zusammen gekniffenen Augen an. Nicht unfreundlich. Eher interessiert. Anka ging in die Knie. Auf Augenhöhe mit dem Kind und streichelte ihm leicht übers Haar. Das Mädchen lächelte. Die Mutter kam aus der Toilette heraus und zog die Kleine von ihr weg. Immer wurde ihr alles weggenommen.
Sie kämmte sich durchs Haar, wusch sich oberflächlich, richtete sich auf und blickte noch mal in den Spiegel. Beruhigt erkannte sie das: - Du hast alles richtig gemacht, Anka! Gesicht. - Jetzt einen Kaffee und weiter ging die schnelle Fahrt.
Die Sonne schien. Strahlte in ihr Auto. Anka lachte zurück. So frei. Sie schaltete das Radio an. Der vertraute Sender lag bereits hinter ihr. Neue Landschaften zogen an ihr vorbei. Schnell, ganz schnell. Einmal, gegen Mittag, machte sie wieder eine Pause...
Das Ende dieser Geschichte können Sie im neuen UndPunkt Buch "Der Cousin im Souterain", das im Herbst 2008 erscheinen wird, lesen.
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