Abendbrot
Nein! Nein, nicht! Es ist nicht für dich! Lass es sein Mama, schmeiß es weg!
Es schrie in ihr, aber über ihre Lippen kam kein Wort. Still stand sie in der Küche. Ihr Großvater blickte stur zum Fernseher, der auf dem Küchenschrank stand. Es lief "Forsthaus Falkenau". Er schaute den Fernseher an, als säße dort sein Erzfeind. Wer ihren Opa nicht kannte, hätte so gedacht. Aber wer ihn kannte, der wusste, dass er immer so schaute. Alles war ihm verhasst, seine Umgebung, seine Familie, Menschen, bekannte und unbekannte, er mochte sie nicht. Die Menschen im Allgemeinen und am wenigstens sich selbst.
Auch sie mochte er nur wenig: Julia, seine einzige Enkelin. Julia hatte sich früh daran gewöhnt, dass sie aufpassen musste, wenn ihr Opa in der Nähe war. Sie durfte nicht spielen, zumindest nicht laut, sie durfte nicht heulen, dann setzte es schon mal was, sie durfte nicht so viel reden, weil er dann kein Fernsehen sehen konnte, sie durfte ihn nichts fragen, weil er keine Antworten hatte. Erst als sie so zehn war, fing er an sie zu mögen, vor allem ihren Bauch.
Julia stand noch immer in der Küche. Ihre Mutter hatte das Butterbrot aufgegessen.
Ihre Mutter: das Haar war strähnig und ungewaschen, es hing ungepflegt rechts und links herab. Es war in der Mitte gescheitelt und sie ließ es einfach wachsen. Für den Frisör war kein Geld da. Oder es war ihr egal. Der dreckige Kittel spannte sich um ihren ernormen Körperbau.
"Was starrst du mich so an, Julia? Mach, dass du raus kommst."
Sie konnte jetzt nicht gehen. Unmöglich. Alles in ihr sagte: "Hau ab, Julia, mach dich aus dem Staub, lauf zu Marvin und flieh mit ihm. Du weißt doch, wo Opa sein Geld hat, nimm es und hau ab. Nach Spanien, wo es immer warm ist."
Aber sie konnte sich nicht bewegen. Es ging einfach nicht.
Ihre Mutter kam auf sie zu. Knallte ihr eine.
"Ich rede mit dir! Hörst du mich?"
Julia löste sich aus ihrer Erstarrung. "Ich will mit Opa "Forsthaus Falkenau" schauen." Wollte sie das? Natürlich nicht.
Ihr Opa sah zu ihr hin. Ein Mundwinkel verzog sich. Es war seine Art zu lächeln.
"Na komm, meine kleine Lady. Setz dich zu Opa auf den Schoß."
Oder doch gehen? Aber nein, sie musste hier bleiben. Sehen, was passierte. Warum hatte sie nichts gesagt? Aber was hätte sie auch sagen sollen?
Sie nahm Platz. Opa legte seinen Arm um ihre Taille. Sie hatte das Gefühl kotzen zu müssen. Sein Geruch. Dieser Geruch von Schweiß, Alkohol, und Rauch, vermischt mit seinem billigen Rasierwasser, das er meist nahm, anstatt sich zu waschen. Seine Hand glitt unter ihr T-Shirt. Ging hoch. Sie musste weg. Sie hatte doch so gehofft, dass er…
Wie es weiter geht erfahren Sie im ersten UndPunkt Buch "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten", das Sie beim Schreiblustverlag oder bei mir bestellen können.